Über die Wirkung von Überlebenshilfe im Kongo

Kongobrief September 2018

Wer häufiger in arme Länder reist, verliert leicht die Sensibilität für die unwürdigen Lebensumstände, in welchen die meisten Menschen leben müssen: Eingeschränkter Zugang zu sauberem Wasser, ein undichtes Dach über dem Kopf, maßlose Geldforderungen – Schulgeld, staatliche Gebühren, Krankenhauskosten. Viele Menschen im Kongo können sich höchstens eine Mahlzeit am Tag leisten und stehen in einem täglichen Überlebenskampf, den wir uns in den sogenannten „Wohlstandsländern“ kaum vorstellen können.

Selbst wenn ich all diese unwürdigen Lebensbedingungen kenne, so habe ich bisher kaum eine Vor­stellung von dem gehabt, was eigentlich mit „Menschenwürde“ gemeint ist - ein Begriff, der in der unmittelbaren und sehr armen Nachkriegszeit in das deutsche Grundgesetz gelangte. Auch heute könnte ich kaum beschreiben, was „Menschenwürde“ eigentlich ist. Doch nie zuvor ist mir eines so stark bewusst geworden wie diesen August im Ostkongo: Trotz all des Elends, trotz der bitteren Armut wohnt in diesen Menschen eine ganz beeindruckende Würde, die besonders dadurch zum Ausdruck kommt, dass sie trotz alledem fröhlich, höflich und gastfreundlich sind.

Was hat dies mit Nicolas zu tun? Dem inzwischen Sechzehnjährigen, der aussieht wie ein Zwölfjähri­ger, finanzieren wir das Schulgeld. Die Eltern leben ausschließlich von der Subsistenzwirtschaft, bewirtschaften also einige Felder für den eigenen Bedarf und verkaufen kleine Überschüsse. Der Junge sei „unartig, stolz und unhöflich“ und bereite „seinen Eltern Schwierigkeiten“ wurde mir berichtet. Deshalb wollte ich Nicolas sehen, als ich in Kamanyola war. So etwas geht im Kongo aber nicht diskret. Mehr als 20 Kinder und Erwachsene folgten mir auf dem Weg zum Haus der Eltern. Dann stand Nicolas vor mir, gesenkten Hauptes. Was wollte der „Muzungu“ von ihm? Der wollte ihm erstmal die Hand geben. Seine bekam ich auch, aber der Blick war stur auf den Boden gerichtet. „Nicolas, jetzt schau mich mal an!“ Das war offenbar gar nicht so einfach für den jungen Schwerenöter. Doch dann war das tropische Eis gebrochen: Nicolas schaute mir in die Augen und – begann zu lächeln. Ja, er konnte Lachen! Ich forderte ihn auf, er müsse jetzt einiges in Ordnung bringen, bei Mama und Papa und in der Schule, und umarmte ihn – vor allen Leuten! Mal sehen, ob das wirkt…

Ja, welche Wirkung haben LHL-Projekte? In der Vergangenheit haben wir gar nicht direkt danach gefragt. Sie sollten am Ende ordentlich abgerechnet und durchgeführt sein und wir wollten einen schönen Bericht sehen. Aber eine Wirkung? Heute fragen immer mehr Geldgeber danach. Mit „Indikatoren“ wird dies schon beim Projektantrag eingeplant. Inzwischen macht die Beantwortung dieser Frage die Zusammenarbeit interessanter. Bei Projektbesuchen können wir manchmal gemeinsam nach Lösungen für Probleme suchen. Und weil Außenstehende oft etwas mehr als „betriebsblinde Insider“ sehen, haben wir z. B. in Uvira zur Verbesserung der Verwaltung einen professionellen Buchhalter eingestellt.

Generell lässt sich sagen: Die Aufforstungen verbreiten sich in den Projektstandorten, weil die Partner auch viele Setzlinge an die Bauern verteilen, die damit ihr privates Land bepflanzen und inzwischen selbst kleine Baumschulen anlegen. Fortbildungen der Landvolkshochschule tragen dazu bei, dass fast überall eine größere Gemüsevielfalt in den Gärten angebaut wird. Dabei sind vor allem die Kinder aktiv, die das bei der Naturschutzjugend lernen. Überhaupt die Kinder! Die „Marafiki wa Mazingira“ sind wahrscheinlich der größte Erfolg aller Aufforstungsprojekte, mit denen wir gleichzeitig Tausende von Kindern zu Naturschützern ausbilden. Die älteren von ihnen helfen jetzt bei der Buschfeuerbekämpfung mit oder versorgen die Gemeinschaft mit holzsparenden Lorenaöfen, deren Bau sie gelernt haben. 

Außerdem konnten dank des Zuschusses einer Stiftung ein Jahr lang mehr als 300 Frauen lesen und schreiben lernen. Bei meinem Besuch traf ich in Kamanyola und Sange glückliche Frauen an, die be­geistert ein Abschlussfest mit Tanz und Gesang feierten. Aber sie berichteten auch, dass noch viele weitere Frauen, die während der Kriegszeit nicht zur Schule gehen konnten, gerne lesen und schreiben lernen möchten…

Wir haben dank BMZ den Bau einer Schulkreidefirma gefördert. Der Anfang war sehr schwer. Inzwischen ist die Schulkreide aber beliebter als die aus chinesischer Produktion und wir kommen kaum nach, so viele Aufträge trudeln ein.

Hier kann jetzt nicht alles erzählt werden, was die LHL-Projekte im Ostkongo bewirken. Aber all dies ist möglich dank Ihrer Spenden. Sie helfen uns den Eigenanteil aufzubringen, den wir zu unseren beantragten Zuschüssen leisten müssen. Ganz herzlichen Dank allen, die bei dieser Überlebenshilfe mitma­chen!